Jasper Habicht

Multilinguale Typographie & Grafikdesign

Über den Autor

27. Februar 2017 – über mich

Der Autor dieser Seite ist Diplom-Regionalwissenschaftler (China) und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für chinesische Rechtskultur an der Universität zu Köln sowie als Media Project Manager bei der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsvereinigung in Köln.

An der Universität schreibe ich momentan an meiner Dissertation zum Thema des Einflusses von politischen Kampagnen auf das gesetzte Recht im Bereich des chinesischen Ausländerrechts. Das Ein-/Ausreiseverwaltungsgesetz der Volksrepublik China ist 2013 in einer revidierten Fassung in Kraft getreten und hat die bisherigen Gesetze aus dem Jahre 1985 zur Verwaltung der Ein- und Ausreise von chinesischen Staatsbürgern und Ausländern vereinigt. Zudem hat es die Regelungen, die seitdem in einer Vielzahl von Rechtsnormen verwaltungsrechtlichen Charakters niedergeschrieben worden sind, mit berücksichtigt, so dass nun eine umfassendes Regelungswerk entstanden ist. Der Revisionsprozess des Gesetzes hat über zehn Jahre angedauert, was ungewöhnlich lange ist und zeigt, dass die Revision nicht ohne Diskussion vonstatten gegangen ist. Über die Zeit der Revision hat es diverse Experimente in Form von lokaler temporärer Gesetzgebung sowie von Kampagnen gegeben. Über die Kampagnen wurde die Öffentlichkeit über das Problem der illegal im Land lebenden Ausländer unterrichtet und aufgerufen, die Polizei mittels Berichterstattung über verdächtige Personen zu unterstützen. Es steht zu vermuten, dass die Durchsetzung der gesetzlichen Normen auf lokaler Ebene vor wie nach dem Inkrafttreten des revidierten Gesetzes sehr unterschiedlich und zum Teil unbefriedigend vonstatten geht. Die Miteinbeziehung der Öffentlichkeit hat es schließlich auch in das finale Gesetz geschafft, allerdings ohne dass an eine Berichterstattung bei der Polizei irgendwelche Rechtsfolgen geknüpft sind. Die Frage steht also im Raum, wer genau durch diesen Passus im Gesetz angesprochen werden soll: die Öffentlichkeit oder die lokalen Beamten?

Die Deutsch-Chinesische Wirtschaftsvereinigung (DCW) unterstützt als bundesweit tätiger gemeinnütziger Verband die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Deutschland. Dies erfolgt insbesondere durch eine Vielzahl von Veranstaltungen, darunter einige großformatige wie der Deutsch-Chinesischen Wirtschaftstag, die China-Rede oder die ChinaLogistics. Die DCW gibt alle zwei Monate das „China-Telegramm“ heraus, das aktuelle Informationen zum Chinageschäft für deutsche Unternehmen beinhaltet. Das „Deutschland-Telegramm“ mit entsprechenden Informationen für chinesische Unternehmen in chinesischer Sprache erscheint als elektronischer Newsletter monatlich. Einmal im Jahr wird zudem das Jahrbuch veröffentlicht, das Fachbeiträge ausgewählter Mitglieder enthält. Für die DCW erstelle ich das Layout dieser Publikationen und betreue den Internetauftritt in technischer wie redaktioneller Hinsicht. Neben der regulären Internetseite sowie dem Auftritt des German-Chinese Bureau for Economic Research, der Forschungsplattform der DCW, betreibt die DCW mit DeZhong.de eine Online-Börse für deutsch-chinesische Wirtschaftskooperationen, Standortpräsentationen und Services, deren Content-Management-System ich programmiert habe.

Ich bin zudem freiberuflich als Grafikdesigner tätig und setze regelmäßig das Layout der Zeitschrift für Chinesisches Recht. Ursprünglich mit InDesign gesetzt, habe ich ein überarbeitets Template für diese Zeitschrift mit LaTeX geschrieben, welches inzwischen seit über einem Jahr zum Einsatz kommt.

Khmer in iOS 7

4. Januar 2014 – ios khmer fonts

Es klingt fast wie eine Zeitungsente, aber es ist seit iOS 7 tatsächlich möglich, eigene Zeichensätze auf dem iPhone oder iPad zu installieren. Hat man eine App geladen, die einen zwischen verschiedenen installierten Zeichensätzen wählen lässt, kann man diesen dann sogar zum Schreiben verwenden.

Besonders sinnvoll ist die Installation von Zeichensätzen, die Schriftsysteme unterstützen, die das iOS bisher noch nicht unterstützt. So ist es zumindest möglich, Texte darzustellen, auch wenn die Eingabe der fremden Zeichen natürlich sich weiterhin als Problem gestaltet.

Ein paar nette Dinge noch vorweg: iOS kommt mit OpenType-Features zurecht, ähnlich wie sein großer Bruder Mac OS, interpretierte es aber keine OT-Features bei südost-asiatischen Schriftsystemen. Hier muss auf Apples AAT-Technologie zurückgegriffen werden. Zeichensätze für südostasiatische Schriftsysteme wie Burmesisch, Khmer oder Singhalesisch also, die für Windows optimiert sind und daher nur OpenType-Features aufweisen, werden unter iOS nicht korrekt dargestellt.

Und wie geht das ganze nun? Der Trick besteht darin, ein neues Konfigurationsprofil zu erstellen, das dazu dient, dem System einige Einstellungen vorzugeben. Wir wollen eigentlich keine Einstellungen verändern sondern lediglich einen Zeichensatz installieren, aber das geht über ein solches Profil eben auch.

Die Konfigurationsdatei ist eine XML-Datei, ihr Aufbau kann in der verlinkten Beispiel-Datei eingesehen werden. (Dazu muss die Datei einfach mit einem Text-Editor geöffnet werden.) In der Datei wird zwischen die <font>-Tags der dase64-codierte Datenstring der Zeichensatz-Datei eingefügt, die Angaben zu PayloadIdentifier, PayloadDescription, PayloadDisplayName und PayloadOrganization müssen entsprechend angepasst werden. Die PayloadUUID-Codes, die eindeutige IDs sein sollen, können laut Apple unter Mac OS über den Terminal-Befehl uuidgen selbst erzeugt werden.

Hat man alles beisammen, muss die Dateiendung in .mobileconfig geändert werden. Anschließend schickt man sich die Datei selbst per Mail und öffnet sie auf dem iPhone oder iPad, dort wird man dann durch die Installation geführt. Die Warnung, dass die Datei nicht signiert ist, kann man in diesem Falle natürlich ignorieren. Der Zeichensatz steht dann in allen Apps zur Verfügung (außer komischerweise in Safari).

Regex in InDesign

17. November 2013 – indesign regex chinesisch

Wer häufiger deutsch-chinesischsprachige Publikationen in InDesign setzt, wird das „Problem“ kennen, dass InDesign sehr konsequent ist, was die Zuordnung von Schriftarten zu Text betrifft. Das ist natürlich erst einmal sehr gut. Aber wenn der deutsche Text in der einen Type, der chinesische jedoch in einer anderen Type gesetzt werden soll, und wenn vielleicht chinesische und deutsche Textabschnitte sich häufiger abwechseln, hat man irgendwann genug vom ständigen manuellen Zuweisen der korrekten Schriftart.

Hier bietet InDesign zum Glück einige Werkzeuge, die solche Ersetzungen vereinfachen. Das Stichwort sind „GREP-Stile“. Alles, was man dazu braucht, sind ein bisschen Kenntnisse in Regex, und schon kann es losgehen.

Zunächst sollte man jeweils für den deutschen und für den chinesischen Text eine Zeichenformatvorlage festlegen. Der deutsche Text kann dann beispielsweise in der Minion gesetzt sein, während der Chinesische auf die die Fang Song zurückgreift, die eventuell sogar noch etwas verkleinert ist oder einen Grundlinienversatz aufweisen kann.

So ausgerüstet legt man nun eine neue Absatzformatvorlage an, die die Einstellungen für den deutschen Text aufweist. Nun weist man dieser Vorlage einen neuen GREP-Stil zu. Dafür wählt man als Zeichenformat nun die vorher festgelegte Formatvorlage für den chinesischen Text aus und teilt InDesign mit, dass es alle chinesischen Zeichen sowie entsprechende Satzzeichen in diesem Zeichenformat darstellen soll.

Das geht mit dem folgenden Regex-Ausdruck:
“?([\x{3000}-\x{9fff}]|[\x{ff00}-\x{ffef}])(·|——|”)?

Dieser Ausdruck gilt zunächst für alle Zeichen, die sich zwischen den Unicode-Positionen U+3000 und U+9FFF befinden. Das sind alle chinesischen Zeichen und Satzzeichen sowie einige andere Zeichen, für die jedoch auch die Auswahl der chinesischen Formatvorlage sinnvoll ist. Einige weitere chinesische Satzzeichen befinden sich zwischen den Unicode-Positionen U+FF00 und U+FFEF. Außerdem sind der Mittelpunkt, zwei überlange Gedankenstriche in Folge und die englischen An- und Abführungen wichtig, aber nur, wenn davor bzw. dahinter chinesische Zeichen folgen.

Mit diesem Trick hat das manuelle Formatzuweisen endlich ein Ende.

Versionierung von CSS- und JS-Dateien

10. August 2013 – css javascript webdesign

Im Quellcode mancher Internetseiten finden sich bei genauerem Hinsehen eigentümliche Parameter hinter den eigentlichen Dateinamen in den Links zu den auf der Seite verwendeten CSS- oder JS-Dateien. Die URL zu einer CSS-Datei endet dann beispielsweise mit style.css?v=18. Die Frage stellt sich: Wozu dient das? Denn der Inhalt der entsprechenden Datei wird durch das Anhängen eines solchen Parameters nicht geändert. (Jedenfalls nicht, wenn es sich um echte CSS- und JS-Dateien handelt.)

Wem die Ladegeschwindigkeit der eigenen Internetseiten am Herzen liegt, der wird sich bereits auch mit Caching befasst haben. Durch entsprechende Anweisungen beispielsweise in der oft verwendeten .htaccess-Datei lässt sich dem Browser mitteilen, dass er bestimmte Dateien speichern und bei bedarf dann aus seinem Speicher laden soll. Dies verringert die Datenmenge, die vom Server abgerufen wird und erhöht daher die Geschwindigkeit, mit der die Seite geladen wird.

Dateien, die sich nicht so oft ändern, weist man dementsprechend gern eine besonders lange Gültigkeit zu. Zu solchen Dateien zählt auch das Stylesheet oder Funktionen über JavaScript. Beim Laden der Seite sucht der der Browser in seinem lokalen Speicher, ob nicht irgendwo noch die passende Datei abgelegt wurde, und lädt sie bei erfolgreicher Suche von der Festplatte.

Aber manchmal ändern sich die Stylesheets eben doch! Manchmal soll ein JS-Skript eben doch angepasst werden. Doch das Caching macht dem Webdesigner einen Strich durch die Rechnung: Korrekt angezeigt wird die Seite möglicherweise erst nach dem zweiten Laden, einem Refresh oder nach dem Löschen des Browser-Caches.

Um dieses Problem zu umgehen, nutzt man die oben beschriebene Versionierung der Dateien über angehängte Parameter. Parameter können grundsätzlich auch den Inhalt einer Datei verändert, weswegen der Browser gezwungen ist, die Datei mit dem entsprechenden übergebenen Parameter neu vom Server herunterzuladen. Dieses Prinzip gilt auch bei CSS- oder JS-Dateien, auch wenn sich bei diesem Trick der Inhalt jedenfalls nicht durch den Parameter geändert hat. Die Datei wird also neu geladen und alles wird wie gewünscht mit dem neuen Stylesheet oder durch das aktualisierte Skript gesteuert angezeigt.

Safari und Non-ASCII-URIs

19. April 2013 – webdesign javascript url unicode safari

In einer globalisierten Welt mit einer unermesslichen Vielzahl von Sprachen ist es eigentlich ganz natürlich, dass auch URIs in anderen als nur der einen zur Weltsprache erhobenen Sprache formuliert werden. Natürlich gilt dies auch für URLs, die eine Unterart der URIs darstellen und insbesondere für die Adressierung von Dateien im Internet verwendet werden.

Dabei geht es gar nicht unbedingt um den Host-Teil der URL, der bekanntermaßen seit einiger Zeit auch in Deutschland Umlaute enthalten darf. In China und den arabischen Staaten werden sogar chinesische und arabische Zeichen in den Top-Level-Domains verwendet. Es geht vielmehr um die viel profanere und schon seit viel längerer Zeit mögliche Verwendung von Nicht-ASCII-Zeichen im Pfad-Teil von URLs.

Man muss wissen, dass URLs nur uneigentlich Nicht-ASCII-Zeichen unterstützen. Intern arbeiten die beteiligten Rechner mit der so genannten „Prozentcodierung“, die beispielsweise aus dem Ausdruck „Viele Grüße!“ das unleserliche Viele+Gr%C3%BC%C3%9Fe%21 macht. Immerhin: Moderne Web-Browser stellen solche URLs in für den Benutzer leserlicher Form dar, wie Wikipedia als prominentes Beispiel für selbst die exotischsten Sprachen beweist.

Natürlich muss der zeitgenössische Web-Designer solche URLs auch in bestimmten Skripts verwenden. In einem bestimmten Fall macht ihm dabei jedoch Safari einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Versucht man nämlich in Javascript über das location-Objekt die derzeit aufgerufene URL in sein Skript einzubinden und enthält diese URL Nicht-ASCII-Zeichen, codiert Safari diese Zeichen nicht über die übliche Prozentcodierung.

Das wäre nicht weiter dramatisch, wenn nicht Safari mit dieser Vorgehensweise gegen den in anderen Browsern üblichen Usus verstoßen würde. Es ist also notwendig, Safari (und auch genau nur Safari, denn Chrome, das ebenso auf der Webkit-Engine basiert, und sogar das iOS-Safari folgen diesem Usus) mitzuteilen, dass es die Prozentcodierung durchführen soll.

Meine Lösung: Zunächst prüfen, ob der über location abgerufene String bereits prozentcodiert ist, und wenn nicht, ihn prozentcodieren. Das funktioniert natürlich nur, wenn der ursprüngliche String selbst keine prozentcodierte Zeichenkette sein soll …

var l = window.location; if (l === decodeURI(l)) { l = encodeURI(l); }

Chinesen und ihre Zeichen

23. Februar 2013 – china schriftzeichen zensur

Eigentlich folgt das Chinesische Schriftsystem einem einfachen und klaren Muster: ein Begriff, eine Silbe, ein Zeichen. Bei dem nebenstehenden Zeichen ist das nicht der Fall. Wie konnte es dazu kommen?

Zeichen

Des Rätsels Lösung besteht darin, dass es sich bei dem Zeichen um eine Neuschöpfung handelt. Neuschöpfungen sind im chinesischen Schriftsystem nichts besonders Seltenes. Im Gegensatz zu anderen Schriftsystemen, die sich eines festen Satzes von Zeichen bedienen, kann das Chinesische seinen Zeichenvorrat bei Bedarf beliebig erweitern. Dabei folgt es allerdings selbst wieder bestimmten Regeln.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein chinesisches Zeichen im Grunde ein Wort darstellt und sich seinerseits aus bestimmten Einzelteilen zusammensetzt. So ist es durchaus mit unserem Vorgehen vergleichbar, wenn wir unsere Wörter aus verschieden angeordneten Buchstaben bilden. Je nach Kombination der einzelnen Buchstaben erhält man so eine unzählbare Fülle von Begriffen und Wörtern. Das Chinesische greift dabei auf 214 Grundzeichen (nach moderner Zählung sind es 227) zurück, die sich „Radikale“ nennen. Ein schönes Beispiel für Neuschöpfungen von chinesischen Zeichen sind chemische Elemente, die traditionell mit genau einem Zeichen geschrieben werden. Da nun hin und wieder neue Elemente entdeckt (oder inzwischen vielmehr erfunden) werden, müssen auch immer wieder neue Zeichen erschaffen werden. So zum Beispiel das Zeichen für Darmstadtium, das sich aus dem Metall-Radikal und dem als Phonetikum dienenden Zeichen (dá) zusammensetzt. Da das Zeichen recht neu ist, wird es von vielen Zeichensätzen noch nicht unterstützt. So entstehen also neue chinesische Zeichen.

Mit dem nebenstehenden Zeichen hat es eine etwas andere Bewandtnis. Wie schon erwähnt, hat es mehr als nur eine Silbe und liest sich cǎo-ní-mǎ. Es bedeutet „Gras-Schlamm-Pferd“. Seine Bestandteile sind oben das Radikal für „Gras“, links unten das für „Pferd“, und rechts unten steht ein Bestandteil mit der Bedeutung „buddhistische Nonne“. Moment … „buddhistische Nonne“? Nun ja, Schlamm schreibt sich – links „Wasser“, rechts als Phonetikum „buddhistische Nonne“ (ní) – in dem Zeichen wurde das Wasser weggelassen.

Aber was für ein seltsames Wesen ist denn nun wieder dieses Gras-Schlamm-Pferd? Aufgrund ihrer semantischen Eindeutigkeit sind chinesische Zeichen leicht zensierbar. Wenn man nicht möchte, dass jemand das Zeichen „ficken“ schreibt, dann kann man die Verwendung genau dieses Zeichens sehr leicht blockieren. Daher verwenden die findigen Chinesen gerne ähnlich klingende Wörter bzw. Zeichen, die häufig benutzt werden und daher nicht so einfach blockiert werden können, um solche sensiblen Zeichen zu umgehen. Das Wort Zeichen (cào) wird daher durch das ähnlich klingende Gras (cǎo) ersetzt. Der obszöne Satz „fick deine Mutter“ (肏你妈 – cào nǐ mā) wird nach dieser Methode mit „Gras-Schlamm-Pferd“ (草泥马 – cǎo-ní-mǎ) umschrieben.

So also entstand dieses mystische Wesen, das inzwischen zu einem echten Mem in der chinesischen Internetsphäre geworden ist. Inzwischen hat es sogar ein eigenes Zeichen bekommen: Die Einzelteile dieses Begriffs wurden in neuer Kombination zu dem nebenstehenden Zeichen vereint …

Was jedoch eigentlich schade ist, ist die Tatsache, dass durch die strenge Zensur das Zeichen (und natürlich auch noch weitere, ähnlich anstößige Zeichen) kaum noch jemand kennt. Keine Eingabemethode dieser Welt wird bei der Eingabe von „cao“ dieses Zeichen anbieten und man muss es stets mühsam aus dem Zeichensatz – der es hoffentlich überhaupt im Angebot hat – heraussuchen. Auf diese Weise ist das Zeichen heutzutage nahezu vollständig in Vergessenheit geraten. Dabei ist das Zeichen so schön bildlich: oben „eindringen“, unten „Fleisch“.

Ein kleiner Trost besteht in solchen Neuschöpfungen wie der nebenstehenden: Altes verschwindet, Neues entsteht. Und wussten nicht die alten chinesischen Philosophen schon vor langer Zeit, dass sich eben alles im immerwährenden Fluss befindet?

Web-Standards in China

22. Januar 2013 – china internet webdesign

Neulich wurde ich durch einen Bekannten auf eine Seite aufmerksam gemacht, auf der sich der dortige Blogger Gedanken darüber machte, wie er einen chinesischen Zeichensatz so auf seiner Seite einbinden kann, dass nur der chinesische Text in diesem Zeichensatz, die lateinischen Zeichen jedoch in einer anderen, zuvor geladenen Schrift angezeigt werden. Liest man solche Postings, glaubt man unvermittelt, dass die HTML5/CSS3-Revolution natürlich inzwischen auch in China angekommen ist, und sieht vor seinem geistigen Auge bereits ungeahnte Möglichkeiten der Umsetzung neuester Web-Techniken und -Standards und die Übertragung modernen Web-Designs nach China. Doch halt! Neuere Erfahrungen haben mich zu der nüchternen Erkenntnis gebracht, dass man bei seinen Planungen vorsichtig sein sollte und keine zu ambitionierten Projekte ohne eine gut durchdachte Strategie beginnen sollte.

Ein Blick in die Berichte eins wohlbekannten Web-Analyse-Werkzeugs, das neben vielen anderen nützlichen Informationen auch Auskunft darüber gibt, aus welchem Land und mit welchem Browser die Nutzer auf die eigene Seite gelangen, zeigt: Die Ära des Internet Explorers 7 ist in China noch lange nicht an ihrem seligen Ende angelangt. Für diejenigen, an denen dieser Kelch bisher vorbeigegangen ist, sei hier kurz erklärt, dass besagter Browser eines der wenigen Exemplare einer Art ist, die die Bezeichnung „Browser“ eigentlich nicht verdient hat. Vielmehr würde auf ihn der Begiff „Stylesheet-Distorter“ passen. Jedenfalls war er lange Zeit der Grund schlafloser Nächte eines jeden Web-Designers und hatte mindestens für doppelte Arbeit gesorgt, bis er dankenswerterweise auch durch seinen eigenen Erfinder über geschickte Kampganenpolitik mehr oder weniger vollständig aus dem Verkehr gezogen wurde … aber offenbar nicht gründlich genug.

Dass in China die Nutzung dieses Browsers noch immer eine solche Beliebtheit genießt, lässt sich vermutlich schlicht und einfach mit der äußerst stark ausgeprägten Pragmatik der Chinesen erklären. Schließlich funktioniert er ja irgendwie. Außerdem haben die Chinesen ein unschlagbares Instrument gefunden, jede noch so komplexe Internetseite IE7-kompatibel zu machen. Und dieses Instrument heißt „Tabelle“.

Es ist wirklich ein wenig wie auf einer Geisterbahn, wenn man durch das chinesische Internet surft und sich dort hie und da einmal den Quellcode anschaut. Auf den Seiten des Nationalen Statistikbüros streiken sogar Firefox und Safari bei der Funktionalität eines einfachen Ausklappbaumes. Schaut man sich den Quelltext einer x-beliebigen chinesischen Internetseite an – vorzugsweise solche von staatlichen Stellen – wird man sich vor lauter Table-Tags gar nicht mehr retten können. Für die Barrierefreiheit von Internetseiten sind Tabellen natürlich der ultimative Todesstoß … aber im IE7 sehen sie eben gut aus.

Jeder sei also gut beraten, an die Gestaltung von Internetseiten, die auch von einem ausreichend großen chinesischen Publikum mit einigem Wohlwollen betrachtet werden sollen, mit einer ähnlichen Pragmatik heranzugehen, wie sie im Reich der Mitte auch anzutreffen ist. Wer für China kompatible Internetseiten gestalten will, wird sich leider nicht ausschließlich auf moderne Webstandards berufen können. Natürlich ist die Umsetzung einer Website mit einfachsten Mitteln, die auch für den IE7 geeignet sind und trotzdem die strengen Auflagen der Barrierefreiheit genügen, eine interessante und spannende Aufgabe, die sogar bis zu einem gewissen Grade zu bewältigen ist, doch bei komplexeren Unterfangen (und die kritische Komplexität ist leider nur allzu oft bereits sehr früh erreicht) wird die ganze Sache schnell zur Odyssee.

In diesem Sinne: 加油!

Die verzweifelte Suche nach dem Wörterbuch

25. Dezember 2012 – china dialekte schriftzeichen

Kurz vor meiner Abreise nach China fragte mich meine Kambodschanisch-Lehrerin, Frau Hélène Nut, ob ich ihr nicht ein Teochew-Wörterbuch mitbringen könnte. Teochew (潮州话; hochchinesisch: cháozhōu-huà; teochew: dio⁷ziu¹-uê⁷) ist eine – sagen wir: Nebenform des Chinesischen, gehört dem südlichen Min-Sprachzweig an und wird im Süden Chinas gesprochen. Viele Chinesen, die nach Südostasien ausgewandert sind, haben diese Sprache in die dortigen Regionen gebracht, wodurch Teochew-Wörter unter anderem auch Einzug ins Kambodschanische gehalten haben. Daher also Frau Nuts Interesse an diesem Wörterbuch.

Nun ist es jedoch so, dass sehr viele der in China gesprochenen Sprachen (insbesondere natürlich die vielen Dialekte, aber eben auch Sprachen wie das Teochew oder auch Kantonesisch, die zwar zur Meta-Sprache „Chinesisch“ gezählt werden, sich jedoch sehr stark vom Hochchinesischen unterscheiden und de facto eigenständige Sprachen darstellen) mit denselben Schriftzeichen geschrieben werden. Ein paar Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich immer, aber abgesehen davon kann ein Mensch, der die chinesischen Schriftzeichen beherrscht, durchaus auch einen Text lesen, der in Teochew geschrieben wurde, da die Bedeutung über die Schriftzeichen vermittelt wird. Die Aussprache mag dem Leser unbekannt sein, ist aber für das Verständnis des Textes irrelevant. Dies liegt in der Eigenart des chinesischen Schriftsystems begründet, das eben Zeichen verwendet, die auch eine Bedeutung vermitteln, statt ausschließlich die phonetische Struktur.

Ein Teochew-Wörterbuch sollte also in erster Linie dazu da sein, die phonetische Struktur der Sprache zu vermitteln und weniger die Bedeutung, da diese ja über die Schrift bereits einem ausreichend großen Leserkreis vermittelt werden kann. Und in der Tat gibt es auch Wörterbücher, die genau das tun: Sie erklären, nach welchen Regeln und Ausnahmen die Hochchinesische Aussprache im Teochew umgesetzt wird. So weit, so gut.

Frau Nut ist nun jedoch keine Chinesin sondern Kambodschanerin, die in Paris lebt. Natürlich spricht sie auch Englisch. Die Wörterbücher, die man hier in China finden kann (übrigens auch nicht direkt im Laden, dafür ist die Sprache offenbar doch zu exotisch, zumindest in einer Stadt wie Nanjing, in der Teochew nicht gesprochen wird), sind natürlich Chinesisch, und das bedeutet: für Frau Nuts Erfordernisse, nämlich das Überprüfen, welches kambodschanische Wort nun welche Teochew-Wurzeln hat, nur bedingt geeignet. Sie würde zwar eine Umschrift sehen können, aber die Bedeutung bliebe ihr verschlossen.

Geeigneter wäre also ein Teochew–Englisch-Wörterbuch. Aber das ist nun offenbar zu viel des Guten: Im Internet finden sich zwar Quellenangaben zu solchen Wörterbüchern, diese sind jedoch fast alle zeitlich Ende des 17. Jahrhunderts anzusiedeln. Sicherlich sind auch neuere Werke erhältlich, allerdings ist wohl anzumerken, dass ein solches Buch wohl leichter aus Europa zu beschaffen ist, wo die englische Sprache einen höheren Verbreitungsgrad aufweist.

Eine viel interessantere Frage ist jedoch, wie es eigentlich generell mit Wörterbüchern aussieht, die sich weniger auf die schriftliche Fixierung stützen, sondern sich vielmehr mit der phonetischen Struktur einer Sprache befassen. Natürlich kann man einen Teochew-Sprecher immer fragen, wie er denn nun dieses eigenartige Wort, das er da gerade von sich gegeben hat, schreibt, und dann sofort in einem Chinesisch-Wörterbuch nach der Bedeutung nachsehen. Es gibt sogar Wörterbücher, die die ausschließlich im Teochew verwendeten Zeichen auflisten und erläutern. Aber es ist offenbar ein unüberwindbares Hindernis, ein Wörterbuch zu finden, dass sich nach der Aussprache des Teochew richtet. Immerhin ist ein Wörterbuch ein gedrucktes Erzeugnis, und was läge da näher, als natürlich die Schrift der Sprache als Grundlage heranzuziehen. Scheinbar ist es unerlässlich, Chinesisch zu beherrschen, will man das Teochew ergründen. Eine standardisierte Umschrift des Teochew in das lateinische Alphabet ist übrigens schon seit längerem existent.

China-Blase oder kontrolliertes System

25. November 2012 – china wirtschaft

Der Focus titelte in seiner Ausgabe vom 23. Juli mit der latenten Gefahr, die von Chinas Ökonomie ausgehe. Es wird darin der drastische Bauboom beschrieben, der seit der Zeit der Reform und Öffnung die rasante Wirtschafsentwicklung begleitete. Antriebsmotor sei bisher der Export chinesischer Produkte ins Ausland zu relativ niedrigen Kosten gewesen. Derzeit jedoch gehe der Export zum einen zurück, auf der anderen Seite seien die niedrigen Kosten häufig über Kreditaufnahmen ermöglicht worden. Nun sei das BIP nach einer längeren Zeit des stetigen Wachsens auf einem neuen Abwärtstrend.

Heute steht China vor der Situation, dass zu viel in Immobilien investiert wurde und das BIP zu wenig vom Konsum getragen wird. Die aufgeblähten Immobilienpreise in Kombination mit der relativ hohen Kreditfinanzierung stellen eine latente Gefahr da, an der nicht nur die Immobilienindustrie zugrunde gehen könnte, sondern auch die gesamte chinesische Wirtschaft. Denn die Immobilienindustrie bindet zum einen eine große Menge Arbeitskräfte (darunter auch viele der so genannten Wanderarbeiter), zum anderen sind auch viele andere Industriezweige mit der Immobilienindustrie verbunden, zuletzt bedeutet ein Platzen der Immobilienblase natürlich auch Geldverlust für die Anleger und demzufolge noch weiter abnehmender Konsum. Als Beispiele werden Thailand und Spanien angeführt, wo in Zeiten vor einer Krise ebenfalls das Verhältnis von Investitionen zum BIP bzw. der Zementverbrauch pro Kopf (als stellvertretende Größe für die Bautätigkeit im Land) ein Maximum erreichten.

Möglicherweise ist es richtig, dass die chinesische Wirtschaft sich zu einseitig auf die Bauindustrie stützt, auf der anderen Seite sollte meines Erachtens bedacht werden, dass das Absinken des BIP durchaus auch Gründe hat, wie sie beispielsweise in der China Newsweek (中国新闻周刊) angeführt werden. Das abgesenkte Wirtschaftswachstum ist demnach als Verquickung von kurz- und langfristigen Faktoren zu betrachten. Als kurzfristige Faktoren werden zum einen der derzeitig verminderte Export als Folge der geringeren Nachfrage angefüht, aber auch die Regulierung des Renminbi und der Immobilienbranche. Hier scheint man den Kausalzusammenhang also genau umgekehrt zu sehen. Als langfristige Faktoren werden zudem das durchaus absichtlich kontrollierte Wachstum sowie die überalterte Gesellschaft angeführt. Der Artikel resümiert, dass ein zweistelliges Wirtschaftswachstum in Zukunft weder realistisch noch wünschenswert sei.

Der Autor des chinesischen Artikels sieht zudem ebenfalls die Problematik des zu geringen Konsums. Er glaubt jedoch auch, dass die Zahl der Konsumenten noch zunehmen werde. Dies gepaart mit einer Zunahme des Durchschnittseinkommens und dem Sinken der Preise sei eine perfekte Voraussetzung für eine zukünftige Zunahme des Konsums.

Wem soll man nun eher Glauben schenken? Sicherlich hat der Bauboom in China nach wie vor nicht nachgelassen. Doch ein großer Teil der Bautätigkeit fokussiert sich auf den Neubau veralteteter Bauten. Immerhin ist nach chinesischem Recht der Besitz an Grund und Boden dem Staat vorbehalten, der dieses Recht für eine Laufzeit von 60 Jahren verpachtet. Warum also sollten Bauten eine längere Zeit halten? Außerdem wird vermutlich immer auch zwischen der derzeitigen und der zukünftigen Einkommenssituation der Bewohner abgewogen. Jemand der sich vielleicht heute noch mit einer eher günstigen Wohnung zufrieden geben muss, kann vielleicht in einigen Jahren eine bessere Bleibe wechseln. Dazu kommt die stetige Zuwanderung in die Städte, die trotz striktem Reglement nicht nachlässt. Jeder neue Stadtbewohner ist auch zugleich ein potenzieller Konsument, wenn auch vielleicht nur ein kleiner. Trotz allem ist natürlich aber eine langfristige Finanzierung auf Kredit nicht wünschenswert. Die Regierung scheint sich dessen jedoch bewusst zu sein, bereits 2007 bemerkte Wen Jiabao die Unausgewogenheit der chinesischen Wirtschaft. Und die Partei ist ist doch der letzte Akteur, der es auf ein solches Risiko des Machtumsturzes wegen wirtschaftlicher Missstände ruhigen Gewissens ankommen lassen würde.

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